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17.11.2015, 19:33 Uhr
Volkstrauertag 2015 - Rede von Tim A. Küsters

Rede Volkstrauertag – 15.11.2015 von Tim A. Küsters

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 seit den Anschlägen in Paris am Freitag, hat der Volkstrauertag für mich eine neue Bedeutung. Ich verstehe Volk heute – mehr denn je- als das Europäische Volk. Die Lehre aus dem Terror vom Freitag ist für mich, dass wir in Zukunft mehr Europa brauchen. Wenn wir heute an die Opfer und Krieg, Gewaltherrschaft und Terror denken, gehen unsere Gedanken und Gebete auch nach Paris.

 In unserer Sprache gibt es den Begriff der „Macht der Bilder“. Ich möchte heute an diesem Volkstrauertag über Bilder mit ihnen sprechen.

 Die visuelle Wahrnehmung ist für uns Menschen sehr wichtig. Denken sie an die vielen Redewendungen, die es mit dem Sehen gibt.

Jemand fällt etwas wie Schuppen von den Augen, wenn er eine Erkenntnis hat. Andersherum kann man mit Blindheit geschlagen sein. Man fasst ein Ziel ins Auge, wenn man etwas erreichen will. Sie sehen – und damit meine ich, dass sie etwas erkennen – wie wichtig Bilder in unserem allgemeinen Sprachgebrauch sind.

Was haben Bilder nun mit dem Volkstrauertag zu tun?

Dazu drei Gedanken.

Der erste Gedanke: Bilder erinnern an Menschen.

Viele von ihnen tragen im Portemonnaie Fotos von ihren Lieben mit sich oder haben diese auf dem Handy gespeichert. Zu Hause stehen dann oft Bilder von Angehörigen. Diese Bilder machen Erinnerungen an Menschen greifbar.  

In manchen Familien gibt es auch noch Bilder von Gefallenen. 

Von Soldaten, die in den zwei Weltkriegen starben. Diese Bilder zeigen oft stolze junge Männer an der Front oder im Heimaturlaub. Diese Bilder sind greifbare Erinnerungen.  

Mit Blick auf diese Bilder bleibt die Frage: Was mag es für Eltern, eine Ehefrau oder Kinder bedeuten in einem mittlerweile vielleicht vergilbten Fotoalbum den gefallenen Sohn, Ehemann oder Vater zu betrachten?  

Man mag, ja man kann es sich ob der oft so sinnlosen Tode gar nicht vorstellen. Alles was Dir von Deinem geliebten Kind, Deinem geliebten Mann, Deinem Vater außer der Erinnerung bleibt, ist ein vergilbtes, ehemals schwarz-weißes Foto.

Unzählige Mütter haben zudem oft jahrlange auf die Rückkehr der Söhne, oft auch vergeblich, warten müssen.  

Was mag Ihnen beim Anblick der Fotos durch den Kopf und an Schmerzen durch das Herz gegangen sein? 

70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und fast 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg ist im Zeitalter der Digitalisierung zumindest das Warten kein Thema mehr.  

Oft frage ich mich, was ist in den Köpfen vieler Frauen vorgegangen, die monate-, oft jahrelang nichts von ihren Männern im Feld gehört haben.  

Die sich nachts zum Schlafen legten und nicht wussten, wo ist mein Mann und ist er überhaupt noch am Leben? 

Was hätten diese Menschen für ein Handy gegeben? 

Ist aber heute im Zeitalter der Digitalisierung und der schnellen Netze alles besser? 

Wir können uns virtuell in Sekunden zu nahezu jedem Ort auf der Welt versetzen lassen und unsere Liebsten immer dann anrufen, wenn uns danach ist. 

Das heißt aber auch, wir können quasi live Enthauptungen der Terrorgruppe Islamistischer Staat rund um die Uhr im Internet verfolgen.  

Oft stelle ich mir die Frage, wer ist eigentlich der Herr des Internets? Warum werden diese Bilder in der Welt des Internets nicht verboten? 

Warum darf der braune Sumpf von Pegida, NPD und AfD sich bei Facebook straflos breit machen?  

In Internetforen erhalten Verbrecher und Schlächter die Möglichkeit regelrecht zu prahlen. Und scheinbar anonym teilen Menschen diese Bilder oder liken sie. 

Das Internet ist voll mit abscheulichen Fotos und Filmen wo gefühllos Menschen entehrt, gefoltert oder hingerichtet werden.  

Auch nach den barbarischen Anschlägen in Paris startete die blinde Hetze gegen Muslime binnen Sekunden. Lassen wir uns das gefallen? Schauen wir nur schweigend zu? Oder setzen wir uns aktiv für den Frieden ein?  

Hat nicht auch eine „Einrichtung“ wie das Internet eine Verantwortung für den Frieden?

Kann man denn bei allem Streben nach digitalisierter Perfektion hier keinen Konsens finden, der für Versöhnung und Verständigung eintritt? Der die Würde der Menschen anerkennt? Entspannung statt Eskalation? 

Es gibt natürlich eine Vielzahl weiterer Themen, deren weltweiter Zugriff in meinen Augen schon aus moralischen Gründen verboten werden sollte, aber hat Frieden nicht eine derart zentrale Bedeutung, dass ein jeder von uns für alles dafür tun muss, Eskalation von Gewalt zu verhindern? 

Das führt zu einem zweiten Gedanken: Bilder bewegen Menschen

Ich kam im September nach einem langen Flug nachts in Australien an. Mein Taxifahrer interessierte sich für mich und fragte, woher ich komme. Ich hatte Deutschland kaum ausgesprochen, da begann sein Loblied. Er hatte die Bilder der Begrüßungsszenen aus München und Frankfurt gesehen. Nachts hatten Menschen sich an den Bahnhöfen eingefunden, um ankommenden Flüchtlingen Applaus zu spenden und ihre Sympathie auszudrücken.  

Doch mein Taxifahrer sagte sinngemäß, dass er sich schäme, dass aus Australien ganz andere Bilder um die Welt gingen. Sein Land schicke Flüchtlinge „quasi zurück aufs Meer“.  

Mich beschämte das Loblied des Taxifahrers. Denn schon damals gab es brennende Flüchtlingsunterkünfte und den braunen Mob in Dresden und auch bei uns in Düsseldorf.  

Mein Taxifahrer war so euphorisch, dass er sich nicht nur verfuhr, sondern mir auch noch einen Rabatt einräumte. 

Bilder bewegen Menschen. 

Sie alle erinnern sich an das Bild des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Ailan. Sein lebloser Körper lag am Strand von Bodrum. Das ist ein Bild, das sich mir in die Erinnerung, nein, in die Seele eingebrannt hat. Seit Jahresbeginn sind nach Schätzungen über 2.500 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken. In Italien und Griechenland werden die Leichensäcke knapp. 

Bilder bewegen Menschen. 

In den sozialen Netzwerken werden Bilder von Lebensmittelresten an Autobahnen, Müll vor Flüchtlingsunterkünften und Flüchtlingen mit Handys von Asylkritikern – um es vorsichtig zu sagen – geteilt. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, soll damit gezeigt werden, dass Deutschland nur das Ziel von – ich zitiere – Sozialschmarotzern ist. Diese einfache Gleichung: „die wollen uns nur ausnutzen“ grenzt schon an Weltverschwörungstheorien dunkler Zeiten in Deutschland. Ich halte es da mit der Bundeskanzlerin und über 90 Prozent der Deutschen: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Ich bin gerne Teil des Bildes eines weltoffenen Deutschlands.

Kommen wir zum dritten Gedanken: Bilder verändern Menschen

Ich greife noch eine Redewendung auf. Da muss ich mir erst ein Bild von machen. Sich selbst ein Bild machen. Als Christen glauben wir, dass Gott uns zur Freiheit berufen hat. Zur Freiheit uns selbst ein Bild zu machen, also eine Meinung zu bilden. Manchmal ist es aber einfach, ein vorgegebenes Bild zu übernehmen. Das geht mir genauso, wie ihnen. Wenn man sich etwas bildlich vorstellen kann, dann wird es greifbar.

Mit unserer Zusammenkunft hier und an anderen Orten am Volkstrauertag sind wir selbst ein Bild. Wir sind ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen.

In meinen Augen gewinnt der Volkstrauertag vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris eine neue Bedeutung. Ich möchte hier erneut die Bundeskanzlerin zitieren:

„(…) Wir (geben) (…) als Bürger eine klare Antwort, und die heißt: Wir leben von der Mitmenschlichkeit, von der Nächstenliebe, von der Freude an der Gemeinschaft. Wir glauben an das Recht jedes Einzelnen ‑ an das Recht jedes Einzelnen, sein Glück zu suchen und zu leben, an den Respekt vor dem anderen und an die Toleranz. Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.

Lassen Sie uns den Terroristen die Antwort geben, indem wir unsere Werte selbstbewusst leben und indem wir diese Werte für ganz Europa bekräftigen ‑ jetzt mehr denn je.“

Lassen sie von unserer heutigen Versammlung ein Bild ausgehen. Ein Bild des friedlichen, offenen Zusammenlebens. Ein Bild das den Opfern von Krieg, Hass und Terror zuruft: wir haben Eure Botschaft verstanden.

Denn genau das will uns dieser Volkstrauertag vermitteln. Und genau deshalb, hat der Volkstrauertag und seine Aufforderung „Vergesst die Toten nicht“ auch nach wie vor einen Sinn.


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